Paraguay als Auswanderungsland ?
Paraguay ist ein recht schönes Land. Leider fehlt es hier an allem, was man sich nur denken kann. Das fängt bei der politischen Stabilität an und hört nicht erst bei einer stabilen Verbindung ins Datennetz auf. Es folgt eine eingehendere Betrachtung aus meiner Sicht, wie sie Auswanderungswillige benötigen, um sich entsprechend vorzubereiten. Dabei werde ich auch viele schöne Seiten Paraguays beleuchten.
Überblick
Paraguay ist eines von zwei Binnenländern in Südamerika – zusammen mit Bolivien. Es hat eine Fläche von etwas über 406.000 km², Zeitzone GMT−4 und ist eine demokratische Republik. Da es sich auf der Südhalbkugel befindet, ist Sommer um Dezember und Winter um Juni. Damit liegt die Zeitdifferenz zu Deutschland bei 4–6 Stunden, je nach Jahreszeit. Der Sommer ist schwül‐warm und der Winter meist feucht‐kalt, sonst trocken‐kalt. Frost kommt nur jeweils sehr kurz und selten vor.
Paraguay hat wenigstens die letzten 500 Jahre keinen Schnee gesehen; ist es feucht genug, ist es heiß und wenn es selten genug einmal kühl genug wäre, reicht die Luftfeuchtigkeit nicht. Die Landeswährung ist der Guaraní, der aber nicht konvertierbar ist und deshalb allein in Paraguay selbst und bestenfalls einigen wenigen Grenzstädten getauscht werden kann. In Deutschland geht das nur über die Bundesbank.
Klima
Die Temperaturen liegen für Ost‐Paraguay im Sommer bei bis zu 48 °C bei meist 80–99 % rel. Luftfeuchtigkeit, im Winter fallen sie durch den pompero, den Wind aus der Antarktis, auf 10–15 °C bei nur noch 40–60 % rel. Luftfeuchtigkeit. Fällt das Thermometer auf unter 20 °C, sieht man kaum noch Paraguayer auf der Straße, da sie sich um Kohlenbecken sammeln. Bei unter 15 °C gleichen sie Reptilien: Sie sind scheintot und verharren regungslos, mit drei Decken über die Schultern geworfen und vor dem Kohlenbecken verharrend, bis sie wieder auftauen. Naja, Spaß muß sein. Im Chaco liegen die Temperaturen höher, aber die Luftfeuchtigkeit ist geringer.
Da sich die Temperaturkurven von Deutschland und Paraguay an zwei Punkten pro Jahr schneiden, sind dies die besten Zeitspannen, um den Kontinent zu wechseln. Im April bis Mai ist das günstig und nochmal September bis Oktober. Der mit Abstand ungünstigste Zeitpunkt, um nach Paraguay zu fliegen, ist der Januar! Da kommt man dann aus dem deutschen Winter in den paraguayischen Hochsommer. Um sich dann einen Herzinfarkt zu sichern, steige man mit Pullover und Mantel bekleidet auf dem flirrend heißen Rollfeld des Flughafens Silvio Pettirossi aus.
Die Bevölkerung besteht zum größten Teil aus Mestizen, also Mischlingen aus Indianern und Weißen. Es bestehen zahlreiche Kolonien anderer Nationen; hier ragen vor allem Deutsche, Japaner und Koreaner heraus. Die Hitze macht allen zu schaffen, weshalb man sich bemüht, sich in klimatisierten Räumen aufzuhalten und dabei jede Bewegung vermeidet. In den Städten betreiben viele Firmen Klimaanlagen in ihren Läden, die sie aber über die Maßen röhren lassen. Die Folge ist, daß man friert, sobald man durchgeschwitzt den Laden betritt und sich infolgedessen eine Erkältung holt, und bei Verlassen des Ladens gegen eine Hitzewand rennt. Eine ausgewogene Einstellung scheint grundsätzlich Glückssache zu sein.
Besonders in der heißen Jahreszeit hält man die Siesta, die Mittagsruhe. Diese erstreckt sich regional verschieden von etwa 12:00 Uhr bis 14:00 Uhr oder bis 15:00 Uhr. Während dieser Zeit begibt man sich zur Ruhe, zieht sich aber zumindest zurück. Nur dumme Ausländer arbeiten in dieser Zeit (und machen sich ihre Gesundheit kaputt). Immerhin ist man Ausländern gegenüber nachsichtig, da man weiß oder vermutet, diese kennen keine siesta. Wer die Mittagsruhe anderer stört, bekommt zunächst gesagt, dies doch bitte zu lassen. Versteht man diesen Wink mit dem Zaunpfahl noch nicht, werden die Beschwerden deutlicher. Meist reicht das aber schon.
Wirtschaftsstruktur
Paraguay gehört zu den Entwicklungsländern. Das wirtschaftliche Wachstum ist sehr schwach ausgeprägt. Paraguay leidet als Binnenstaat am Fehlen eines einfachen Güterumschlages, überdies an schlecht ausgebauter Infrastruktur, sehr ungleicher innerstaatlicher Kapitalverteilung, grassierender Korruption und miserabler Bildungspolitik. Die Landbevölkerung ist in der Regel arm, auf Tagelöhnerei angewiesen oder betreibt wenig rentable Landwirtschaft, was die Modernisierung durch Reinvestition vereitelt. Durch Landflucht wachsen die Städte zusehends. Asunción mit seinen Vororten ist längst an seine Grenzen gestoßen, seine Bewohner zu ernähren (weshalb es in den letzten zehn Jahren praktisch nicht gewachsen ist). Umso stärker wachsen dafür kleinere Städte wie Ciudad del Este, Villarrica, Encarnación, Caaguazu usw.. Es kommt zur Bildung von Armenvierteln.
Indem nun Paraguay mit Nachdruck an der Industrialisierung arbeiten würde, könnte es seine weltpolitische und ‑wirtschaftliche Lage deutlich aufbessern. In vielen Entwicklungsländern hängt man sich an den Import aus Industrieländern – also Handel –, was aber die Handelsbilanz ruiniert und die Auslandsverschuldung und damit auch die Inflation anheizt. Zudem kann sich ohnehin nur die Oberschicht diese neuen Artikel leisten. Der Gewinn bleibt größtenteils an den Importeuren hängen, aber diese sind selten Paraguayer.
Viel nachhaltiger, wenngleich mit viel Arbeit für dessen Aufbau verbunden, ist es, die Industrie selbst zu fördern. Geschieht dies vor allem in Branchen, in denen man die vielen freien und ungelernten Arbeitskräfte für handarbeitsintensive Tätigkeiten einsetzen kann, z. B. die Textilindustrie, kommt es automatisch zur Aufwertung der landwirtschaftlichen Produkte, damit der Landwirtschaft selbst und langfristig zur Stabilisierung der innerstaatlichen Bevölkerungsverteilung. Auch die Inflation und die Abhängigkeit vom Ausland gingen zurück. Selbstverständlich kann man nur hochwertige Erzeugnisse exportieren. Was produziert Paraguay denn derzeit, was es exportiert? Soja ist da doch das einzige Produkt, das in nennenswerter Menge umgeschlagen wird.
Warum geht in Paraguay die Wiederaufforstung nach jahrzehntelangem Kahlschlag so schleppend voran? Warum werden nicht die gesetzlichen Bedingungen angepaßt, um Nutzhanf (Cannabis sativa subsp. sativa L.) anzubauen? Dieser kann nicht nur selbst vollständig verwertet werden, sondern dient auch der Bodenverbesserung der nachfolgenden Bebauung. Die Antidrogenpolitik der USA kam hauptsächlich als Steigbügel für den Machterhalt des Chemiegiganten DuPont (Nylon, Pestizide für Baumwolle) zustande. Was kümmert also Paraguay die Wirtschaftsinteressen der USA? Folglich könnte man aus dem Fasermaterial Papier herstellen oder hochwertige und trotzdem günstige Textilien. Diese könnte sich jeder leisten und diese sind auf dem Weltmarkt begehrt! Was hält Paraguay davon ab, diese Textilien zu exportieren und damit das Handelsbilanzungleichgewicht zu bekämpfen? Warum sollte man Maschinen für die Landwirtschaft und Düngemittel importieren müssen? Fragen über Fragen, auf die die Oberen des Landes nicht eingehen.
Seit kurzem baut man im Chaco Jatropha an. Genauer: Es ist die Purgiernuß (Jatropha curcas). Es ist eine extrem genügsame Pflanze, die somit sowohl in der Steppe, der Savanne, dem Kargland usw. problemlos auch ohne Düngung gedeiht. Sie produziert Samen, die zu ca. 35 % Öl enthalten. Dieses Öl kann durch Aufreinigung leicht zu Bio‐Diesel veredelt werden. Mit nur sehr geringen Modifikationen an bestehenden Dieselmotoren hat man einen CO2‐neutralen Treibstoff, der auch noch fast nichts kostet. Das sollte die Wirtschaft beleben und auch die Menschen in etwas abgelegeneren Gebieten dazu veranlassen, ihre autarke Versorgung mit solchen Biodiesel‐Stromgeneratoren zu sichern. Daß die Jatropha‐Pflanze leicht giftig ist und von Tieren verschmäht wird, ist dabei nur ein Vorteil.
Beim Anbau muß allerdings aufgepaßt werden, daß die Pflanze nicht auf fruchtbarem Boden angebaut wird, der besser zur Lebensmittelerzeugung genutzt wird. So stände der Bio‐Diesel in Konkurrenz zu Lebensmitteln, was zumindest sinnwidrig wäre. Da die Petrochemiekonzerne sehr wohl die Konkurrenz von Bio‐Diesel aus Jatropha zu ihrem schwarzen Gold sehen, versuchen sie freilich, die Bauern unter Druck zu setzen oder ihnen schlicht das Agrarland zum Anbau billigst wegzukaufen. Zeigen wir den Profitgeiern die Zähne und unterstützen den Jatropha‐Anbau mit Kräften!
Selbstverständlich könnte man dieses wie auch weitere Entwicklungsländer zu ihrem eigenen Glück zwingen, indem man z. B. Entwicklungshilfe nur noch als Technologietransfer anbietet, doch: Welches Industrieland hat daran Interesse? Nach wie vor braucht es arme Länder, damit es die reichen weiterhin bleiben. Es reicht auch nicht aus, sich an die wirtschaftliche Entwicklung umgebender Staaten (z. B. Brasilien, das inzwischen ein Schwellenland wurde) zu hängen und sich mitschleifen zu lassen! Selbst ist der Staat; Paraguay muß selbst etwas unternehmen!
Wasserversorgung
Fließendes Wasser muß man sich selbst besorgen, also ein Wasserversorgungssystem auf dem eigenen Grundstück bauen. Das ist dann also ein Wassertank auf einem Turm über dem Brunnen, in dem eine qualitativ hochwertige (haha!) Pumpe sitzt. Achtung: Da der Wassertank die höchste Stelle des Grundstücks bildet, sollte er dringend mit einem Blitzableiter versehen werden. Solche sind in diesem Land gänzlich unbekannt. Da es für den Blitzableiter unbedingt auf einen extrem niedrigen Wellenwiderstand (nicht ohmschen Widerstand!) ankommt, darf der Draht keine scharfen Knicke haben! Im Zweifelsfall besser bei einem Elektriker (aber einem richtigen!) nachfragen.
Inzwischen werden auch ländlichere Gebiete an primitive öffentliche Wasserversorgungssysteme angeschlossen. Die Wasserqualität ist insbesondere in Asunción erbärmlich – total verchlort und deshalb nicht genießbar. Auch hat das System wegen viel zu geringer Rohrquerschnitte und „Lecks“ fast keinen Druck. Aus Gründen der Bequemlichkeit lassen sich trotzdem viele Leute an dieses System anschließen und werden dabei auch noch ordentlich geschröpft. Daß dabei das Augenmerk auf das zuvor schon existierende System mit Brunnen und Tank verlorengeht, liegt auf der Hand. Fällt dann auch zum zillionsten Mal das öffentliche Wasserversorgungssystem aus, wird lieber stinkfaul auf dessen Reparatur gewartet als auf das dann verrottende eigene System umzuschalten.
Ein guter Brunnen ist in diesem Land Gold wert! Wieviel mehr muß es meine Schwester und mich da schmerzen, daß genau dieser „Effekt“ auf ihrem Grundstück passierte, auf dem wir weit und breit das mit Abstand beste Wasser hatten! Paraguayer (die alle eigene Brunnen haben) kamen in früheren Zeiten mehr oder weniger regelmäßig vorbei, um uns um einen Eimer Wasser zu bitten! Nebenbei bemerkt: Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in heißen Ländern, nicht einmal dem schlimmsten Todfeind die Bitte nach einem Schluck Wasser auszuschlagen.
Stromversorgung
Elektrischer Strom ist für uns Mitteleuropäer so selbstverständlich wie die Luft zum Atmen. Es kommt höchst selten vor, daß er einmal ausfällt – und wenn, so kommt er nach höchstens einer Stunde wieder. In Paraguay fällt er (speziell auf dem Land) sehr viel häufiger aus. Waren in den 80ern und 90ern wöchentlich noch mehrere stunden‐ und tagelange Ausfälle üblich, so hat sich doch einiges getan. 2011 muß man trotzdem noch immer mit einigen Ausfällen pro Monat rechnen. Dann gibt es keine Kühlung, kein Wasser (außer, wer ihn hat, aus einem Wassertank), kein Amt für Festnetz‐ und kein Netz für Mobiltelefone, kein Licht usw..
Der schlechte Zustand der Stromleitungen (allesamt oberirdisch) ist Prinzip. Der „Elektriker“, von der staatlichen Stromversorgungsgesellschaft ANDE beschäftigt, hat kein Interesse daran, sich seine Stelle wegzurationalisieren und wird deshalb alle „Reparaturen“ nur provisorisch ausführen. Der nächste Ausfall ist damit sichergestellt. Außerdem hat er es ja nicht anders gelernt und die Mentalität in Paraguay hat schon immer nach dem Motto un provisorio para siempre funktioniert.
Die in Paraguay üblichen zweipoligen Steckdosen sind ein weiteres Übel. Sie haben keinen Schutzkontakt und sind somit eine der Ursachen für Stromunfälle. Der Durchmesser der Kontakte ist so klein, daß man Adapter nutzen muß, um Schuko‐Stecker verwenden zu können. Leider ist nun deren Kontaktdurchmesser für Euro‐Stecker zu groß, der Federweg also zu klein. Euro‐Stecker schlackern darin, bekommen keinen guten Kontakt und brennen deren Oberfläche ab. Der Übergangswiderstand steigt damit so stark an, daß Zimmerbrände entstehen können! Eine Erdung besteht mit diesen Adaptern auch nicht – dumm bei Geräten der Schutzklasse I. So ein Gerät ist z. B. eine Waschmaschine. Deren Gehäuse ist über zwei Kondensatoren auf die halbe Netzspannung gelegt. Wer jetzt die Waschmaschine anpackt (wo die Lackierung abgenutzt ist), hängt an diesen 110 V!
Eine weitere Unfallgefahr bildet die normalerweise allein vorhandene Haussicherung von z. B. 30 A. Es gibt keine Einzelabsicherung oder FI‐Schalter, wenn man nicht selbst welche einbaut. Dies ist genau wie in Deutschland – nur ist hierzulande die Installation vorgeschrieben. Ein Sicherungskasten ist gerade auf dem Land auch nur selten anzutreffen. Da wird die Haussicherung nur in ein verbogenes und verrostetes Blechgehäuse eingebaut. Also auf deutsches Elektroinstallationsmaterial achten und keine Geräte mit flachen Kontakten kaufen! Im schlimmsten Fall kann man diese Stecker immer noch abschneiden und Schuko‐ oder Euro‐Stecker dranbauen, sofern man welche vorrätig hat.
Auch ist es in Mietwohnungen sinnvoll, wenigstens die vorhandenen zweipoligen gegen Schukosteckdosen auszutauschen. Da logischerweise auch die Verkabelung mitgetauscht werden sollte (sonst bleibt nur der Vorteil des sicheren Kontaktes), wird man sich glücklichschätzen, wenn diese zumindest in Leerrohren verlegt wurde. Leider ist dies in den seltensten Fällen gegeben. Schon wieder einmal sparte der Häuslebauer an der verkehrten Stelle, denn Leerrohre sind sehr günstig.
Diesen Umstand findet man aber auch in Deutschland leider oft an! Der lächerliche Euro pro Meter bei 32 mm Ø (oder 0,50 €/m, wem 20 mm Ø genügen) machen hier den Unterschied zwischen z. B. einer Stunde Arbeit aus oder zwölf! Im einen Fall braucht man bloß die neue Leitung an die alte angebunden durchziehen, im anderen muß die ganze Wand aufgefräst werden. Über eine finanzielle Einigung mit dem Vermieter bleiben die Kosten vielleicht nicht völlig am Mieter hängen.
Übrigens: Auch, wenn es in Paraguay keine greifenden Sicherheitsbestimmungen bei Elektroinstallationen gibt, ist die schutzleiterfreie Nutzung von Schukosteckdosen prinzipiell sinnwidrig und damit wegen Verwechslungsgefahr hochgradig gefährlich! Als Mindestmaßnahme schlage ich einen nicht ablösbaren knallroten Aufkleber auf der vertieften Fläche und am Rand der Steckdose vor mit Beschriftung „ACHTUNG: Kein Schutzleiter! CUIDADO: ¡No hay conductor de tierra!“
Paraguay verwendet das auch in Europa üblich gewesene 220 V‐Netz mit 50 Hz. Wir haben ja schon vor Jahren auf 230 V umgestellt, um einen Kompromiß mit den in Großbritannien üblich gewesenen 240 V zu erzielen. Bedauerlicherweise kommt es bei den ständigen Spannungsschwankungen (grob 160–240 V, je nach Standort meist 210–220 V) auch zu leichten Netzfrequenzschwankungen. Man sollte als Rahmen 45–52 Hz einplanen. Die meisten Geräte kommen damit sehr gut klar, besonders natürlich die mit Schaltnetzteil. Allein bei starken Verbrauchern wie Synchronmotoren ohne Vorschaltgerät wird bei zu niedriger Frequenz nicht die volle Geschwindigkeit erreicht und auch nicht das volle Drehmoment.
Glücklicherweise sind die Zeiten von langwährenden Phasen vorbei, in denen nur noch 160 V an der Steckdose ankommen. Das war hauptsächlich dann der Fall, wenn irgendwo auf dem Weg zwischen dem Generator in Itaipu (Guaraní, etwa „singender Felsen“) und dem Landesinneren ein Kurzer durch Regenwetter oder Blitzschlag das Netz halb lahmlegte. Sehr schön zu beobachten war, wie Glühlampen nur noch dunkelrot glommen, um Sekunden später wieder aufzustrahlen. Da hat sich der Kurzschluß ausgebrannt. In Deutschland hat es seit wenigstens 50 Jahren keine solchen Zustände gegeben, weswegen sich kaum jemand Gedanken drum macht oder sich die Situation vorstellen kann. Es ist einfach ein Schauspiel!
Telekommunikation und Informatik
Das Telekommunikationssystem in Paraguay ist – gelinde gesagt – verbesserungswürdig. Einen Telefon‐Festnetzanschluß um das Jahr 2000 zu erhalten, war ein gewaltiger monetärer und administrativer Kraftakt und mit einer achtmonatigen Wartezeit verbunden. Man kam sich vor wie in der UdSSR. Die Sprachqualität war schlicht erbärmlich und wegen der massiven Überlastung der vorhandenen Leitungen quatschte immer wieder irgend jemand herein. 2011 hat die staatliche Telefongesellschaft ANTELCO, jetzt COPACO genannt, das Netz immerhin soweit ausgebaut, daß man nur noch mit einem Knistern in der Leitung leben muß. Dieses ist immer noch so stark, daß es keine stabile Verbindung ins Datennetz gibt. Die Leitungen sind noch immer alle oberirdisch verlegt.
Alternativ kann man einen der privaten Mobilfunkanbieter nutzen. Überhaupt ist die Nutzung des Mobilfunks in Amerika wesentlich weiter verbreitet als in Europa. Hierüber gibt es auch einen Zugriff aufs Datennetz zum grob doppelten Preis des Festnetzes, doch selbst damit ist die Gefahr von Verbindungsabbrüchen nicht beseitigt. Dies schlägt sich speziell in der FTP‐Übertragung großer Dateien (≥1 MB) nieder. Dateiaustausch kann man also sofort vergessen, wenn man nicht P2P‐Programme wie eMule oder BitTorrent in Verbindung mit einer Mobiltelefoneinwahl ins Netz benutzt. Selbst dies funktioniert nur, wenn man die Ports 21, 25 oder 80 benutzt – allesamt bereits von anderen Diensten genutzt, womit weitere Probleme vorherbestimmt sind.
Aus unserem Hotel heraus, das einen Festnetzanschluß ans Datennetz hatte, war es mir nur selten möglich, eine 600 kB große Datei per FTP auf meinen Server zu übertragen. Die Verbindung war so schlecht, daß es andauernd Verbindungsabbrüche oder Zeitüberschreitungen gab. Nach einigen Versuchen, die Datei zu übertragen, hat dann der Server auch keine weiteren Verbindungen akzeptiert und erstmal eine Denkpause von einer Stunde eingelegt. Daß dies nicht gerade anwenderfreundlich ist, kann man sich denken. Auch ist dies einer der Gründe, warum es so wenige professionelle Netzpräsenzen in Paraguay gibt. Dies ist die Situation in Asunción. Für die auf dem Land (Independencia) lese man beispielsweise diesen Beitrag eines Netzanbieter‐Profis.
Soweit mir bekannt, läuft der gesamte Netzverkehr über einen Proxy in den VSA. Wundert uns da die Nichterreichbarkeit, die Unzuverlässigkeit und Instabilität der Verbindungen? Dies gilt zumindest für solche über das Festnetz. Wie es mit der Mobilfunkeinwahl aussieht, weiß ich nicht; es ist aber zu vermuten, auch diese Verbindungen laufen über denselben Verteiler in Paraguay und damit über den Proxy in den VSA. Proxys sind großer Mist! Sie blockieren für gewöhnlich einen Großteil der Ports, bremsen die Datentransferrate bis in Zeitüberschreitungen und lassen Datenpakete ausfallen. Außerdem bilden sie ein Nadelöhr, durch das sich der gesamte Verkehr zwängen muß und sind obendrein die mit Abstand einfachste Methode, Pakete zu filtern – vulgo: Zensur.
Ach ja, die Informatik: Wer kann, soll sich eine Tastatur mit z. B. deutscher Belegung mitbringen. In Paraguay kaufen kann man sie nämlich nicht! Dabei muß man natürlich darauf achten, eine mit dem richtigen Anschluß zu besorgen. USB ist normalerweise immer die richtige Wahl.
Für den Datenaustausch ist auch ein USB‐Stick (Speicherzäpfchen) gut geeignet. Da hierzulande weder die Kunden noch die Verkäufer irgend eine Ahnung von Technik haben und deshalb nur auf den Preis schauen, gibt es nur chinesische Billigkopien von meistenteils Kingston zum Originalpreis zu kaufen. Übrigens kann hier niemand etwas mit USB‐Stick anfangen; die Speicherzäpfchen heißen hier Pendrive. Da das Englisch ist und das kaum jemand richtig ausspricht, hört man immer nur etwas wie benri. Bis ich herausfand, was die Verkäufer damit meinten, hat es ganz schön gedauert.
Nach tagelanger Recherche im Mercado 4 und der Innenstadt Asuncións entschied ich mich für einen 16 GB‐Typ, angeblich von Kingston (DataTraveler 100 G2). Die Geschwindigkeiten wurden mit 10 und 5 MB/s auf der Verpackung angegeben, bei allen anderen Modellen gab es gar keine Angabe dazu! Schnellere Typen gibt es jedenfalls nicht! Offensichtlich hat vor mir auch noch niemals jemand nach der Geschwindigkeit gefragt. Welcher Verkäufer schonmal verstand, was ich mit velocidad meinte, antwortete mit USB 2.0. Den ausgesuchten Typ habe ich im Laden auch fast komplett mit Videos von meinem Klapprechner aus beschrieben, weil dieser China‐Schrott manchmal nur einen 1 GB‐Speicher im Gehäuse hat. Er funktionierte vollständig mit etwa 15 und 11 MB/s. Der Preis lag im April 2011 bei ca. 130.000 Gs., was fast 24,– € sind und damit teurer ist als in Deutschland für ein Original (Reichelt: 18,95 €)!
Nochmal kurz zurück auf das Datennetz: Darf man vom nicht gerade technikverwöhnten Paraguay auch auf dem Land ADSL 2000 erwarten und in Städten wie Asunción und Villarrica ADSL 6000 oder für Firmen mit Server SDSL 3000? Ich finde: Ja! In Deutschland ist die Infrastruktur bereits verbuddelt. In Paraguay, wo sie großflächig erst noch installiert werden muß, kann man doch gleich ordentlich dimensionieren – es kostet fast dasselbe.
Wenn man schon so denkt, darf man doch gleich mit Glasfaser in jedes Dorf und jede Stadt ziehen und dann mit S/FTP‐Kabel von gutem Querschnitt in jedes Haus. Damit schafft man doch locker diese Anforderungen. Ach, und bitte: Kein Normenwirrwarr! ADSL2+ Annex M ist möglicherweise nicht der Weisheit letzter Schluß, aber ein gangbarer Weg. Deutschland nutzt Annex B, was dessen „kleiner Bruder“ ist. Großbritannien, Schweden, Dänemark und Australien z. B. machen es uns vor. Eine bessere Infrastruktur bedeutet einen größeren Erwartungsdruck und damit insgesamt eine Modernisierung des Landes. Das sollte doch allen Verantwortlichen bewußt sein. Warum wird nicht gehandelt?
Im April 2012 sah die Situation in Independencia (Guairá) so aus: Man konnte sich ein UMTS‐Modem mit USB‐Anschluß verschaffen und einen Tarif von Tigo dazukaufen. Ein Tag Netznutzung mit ca. 40 kB/s beim Laden (Sendegeschwindigkeit und Pingzeiten sind leider unbekannt) und max. 1 GB Datenaufkommen kosten 10.000 Gs. (ca. 1,85 €). Ein Zeitmonat mit denselben Geschwindigkeitswerten, aber max. 4 GB Datenvolumen, kostet 130.000 Gs. (ca. 14,85 €). Die Gültigkeit der Einwahl verlischt mit Erreichen der Zeit‐ oder Volumengrenze, je nach dem, was zuerst eintritt. Wer ehrlich rechnen will, muß noch den Kaufkraftunterschied berücksichtigen. Wir setzen etwa Faktor 4 an, sodaß wir bei 60,– € monatlichen Kosten fürs Netz landen. In Deutschland zahlen wir die Hälfte für größere Geschwindigkeiten und ohne Volumenbegrenzung, aber hier gibt es ja auch genügend Konkurrenz, die das Geschäft belebt. Wer sich also mit diesem immerhin schon besseren Angebot von Tigo dauerhaft im Netz tummeln will, sollte zudem über die Nutzung eines Werbeblockers nachdenken, wie ihn Opera und Firefox ohnehin anbieten. Dateiaustausch sollte auf 700 MB große Filme beschränkt bleiben, sonst endet der Monat schneller, als man denkt!
Verkehrswesen
Der Straßenzustand hat sich seit 1999 nur wenig verbessert. In den Städten fehlen massenhaft Bodenplatten des Gehsteigs (beispielsweise Brasíl/Pettirossi in Asunción), sodaß man Gefahr läuft, einzuknicken und zu stürzen. Wartungsdeckel der Wasserversorgung schließen nicht bündig mit dem Gehsteig ab. Sie sind 5 cm erhaben und dienen als Stolperfalle oder sie sind um dieses Maß versenkt, daß man trotzdem hängenbleibt. Auch mehrere nebeneinanderliegende Wartungsdeckel, allesamt versenkt, sind nicht gerade selten. Auch gibt es an größeren Straßen oft genug riesige rechteckförmige Absenkungen der Rinnsteine, die man eher als Ausschnitte in der Straße bezeichnen muß. Wer hier unaufmerksam entlangschlendert, verschwindet schon ’mal in so einem Loch – das ist kein Witz! Sich also im Dunkeln auf den städtischen Straßen Paraguays zu bewegen, halte ich für lebensgefährlich!
Der Straßenbelag ist massenhaft beschädigt: gebrochen, weggebröselt, plattenweise wackelig aufgestellt und buckelig. Fahrrillen und ‑senken lassen das Regenwasser nicht oder schwer abfließen und führen bei den grundsätzlich rasenden Fahrern zu Aquaplaning, mit dem niemand umgehen kann. Der schlechte Straßenzustand führt dann dazu, daß gerade städtische wie ländliche Busgesellschaften niemals auch nur einen einzigen Stoßdämpfer ihrer Busse (collectivos) haben tauschen lassen.
Die Busse sind selten weniger als 25 Jahre alt und entsprechend heruntergekommen. Da klappert jede Scheibe, jeder Sitz, jede Tür, die Fenstervorhänge wehen in Streifen und Fetzen im Fahrtwind, der einem bald einen steifen Nacken beschert. Die Sitzpolsterung ist entweder gar nicht mehr vorhanden oder es stehen zumindest noch notdürftig zusammengehaltene durchgesessene Schaumstoffetzen heraus. Wer jemals mit einem solchen Bus gefahren ist, betet darum, dies niemals mit Rückenbeschwerden oder Rheuma tun zu müssen! Zumindest ist die Fahrt für Europäer günstig bis billig: Fahrt Independencia–Villarrica 6000 Gs., Fahrt Independencia–Asunción 25000 Gs., Fahrt Villarrica–Asunción 30000 Gs., Fahrt Asunción innerstädtisch 2300 Gs. (Stand: April 2011).
Wegen fehlender funktionierender Stoßdämpfer überträgt sich jeder Schlag zurück auf die Straße und schädigt diese auf lange Sicht hin weiter. Die Lärmbelastung durch grundsätzlich hochtourig betriebene Motoren und das Fahrgeräusch beim Rattern über das Kopfsteinpflaster ist ungeheuer, weshalb zur Unterhaltung der Fahrgäste das Radio mit Gestampfe, Gekreische, Scheppern und Gedudel (was hierzulande auch noch folkloristische und Cumbia‐„Musik“ genannt wird) aufgedreht wird!
Weil eine „Unterhaltung“ aber nun zu wenig ist, haben einige Fahrgäste grundsätzlich ihre eigene Lärmquelle dabei (z. B. ein Mobiltelefon, das bis zum extremen Verzerren des Klangs lautgestellt wird) und damit „Gegenschall“ erzeugen. Ob das jemanden der anderen Fahrgäste stört, interessiert nicht. Ich dachte schon daran, demonstrativ einen Ghettoblaster mit übelstem Hardrock oder Extrem‐Jazz auf höchster Lautstärke auf einer meiner Exkursionen mitzunehmen, um den Leuten ’mal zu zeigen, was Qualitätslärm ist!
Die von größeren Firmen (Ybytyruzú, Guaireña, Rysa, Yrosa usw.) betriebenen Überlandbusse und gemäßigter manche Linien im Großraum Asunción (mir ist die 23 bekannt, die nach Lambaré fährt) warten ihre Busse und lassen ihre Fahrer nicht mit Gewalt durch jedes Schlagloch fahren.
Wo die Straßen nicht asphaltiert sind und sogar nicht einmal mit Kopfsteinpflaster versehen, sieht man nur noch rot: roten Lehmboden, der in der Hitze staubt und in jede Ritze kriecht oder sich bei Regen in eine schmierige Achterbahn verwandelt, die fast alle Fahrzeugarten nach außen trägt und in den Straßengraben befördert. Sogar Radlader, Traktoren und Planierraupen sind davor nicht sicher! Da hilft dann nur noch, zu warten, bis der Lehm abgetrocknet ist und dann ganz langsam und mit einiger Hilfe wie weitere Radlader mit extra langem Abschleppseil versuchen, da wieder herauszukommen. Vermutlich über 70 % der paraguayischen Straßen sind solche!
Mir wurde zugetragen, die Asphaltierung des Wegs in Independencia vom Asphalt bis Paso Yobai sei bereits zweimal von den Anwohnern bezahlt worden und die Gelder versickerten stets in irgendwelchen dunklen Kanälen. So kann es doch nicht weitergehen!
Paraguays Straßennetz wird also fast nicht gewartet, aber die Finanzierung dafür wird in überhandnehmender Weise durch die zahlreichen außerstädtischen Mauthäuschen eingetrieben. Besonders hier, aber auch zur effektiven Geschwindigkeitsbegrenzung andernorts, befinden sich besondere Schwellen über die ganze Breite auf der Straße, die lomadas. Diese kann man bestenfalls im Schrittempo überfahren und belasten bereits dabei Stoßdämpfer, Federung, Bereifung und Fahrgestell extrem. Wie überall auf der Welt, besonders aber in Paraguay, herrscht noch immer viel Korruption. Der derzeitige (2011) Präsident, Lugo, will diesen Zustand ändern. Das haben selbstredlich auch seine Vorgänger verkündet, ohne daß es merklich besser wurde. Na, wünschen wir ihm besten Erfolg!
Paraguay verfügt selbstverständlich auch über einen internationalen Flughafen. Dieser liegt bei Asunción – genauer gesagt in der Gemarkung Luque. Er war unter dem Namen des bisherigen und inzwischen verstorbenen deutschstämmigen Diktators Stroessner bekannt, seit seinem Sturz aber heißt er nach dem italienischstämmigen paraguayischen Flugpionier Silvio Pettirossi (nach dem übrigens auch einer der Märkte in Asunción benannt ist). Es gibt nur eine Landebahn, die aber ausreicht, da der Tourismus in Paraguay noch sehr ausbaufähig ist. Weil nun Asunción aber eine reine Nebenstrecke ist, laufen sämtliche Langstreckenflüge über z. B. São Paulo, Buenos Aires oder Rio de Janeiro.
Lange Zeit brauchten die Betreiber des Flughafens, um auf einen halbwegs international empfundenen Stand zu kommen. Neuerdings findet man in der Wartehalle vor den Flugsteigen bequeme Sitzbänke, deren Sitze gelb‐beige gepolstert sind. Das dort nun ansässige Bistro wartet mit einer internationalen Auswahl warmer und kalter Speisen und Getränken auf. Sehr beeindruckend war dort der günstige Preis für eine Quiche (eine ordentliche Portion eines wohlschmeckenden und sättigenden Gemüseauflaufes in Tortenform für 25.000 Gs.). Noch vor dem Transitbereich befindet sich ein Café, dessen Preis für einen „großen“ Becher (ca. 100 ml) Milchkaffee mit 13.000 Gs. geradezu unverschämt ist.
Ein weiterer Flughafen befindet sich in Ciudad del Este (AGT) an der Grenze zu Brasilien. Selbst habe ich diesen Flughafen nie besucht, aber ich hörte von Bekannten, er sei auf gutem Weg, einen Teil des Flugverkehrs von ASU abzuziehen. Selbstverständlich gibt es weitere Flughäfen, diese aber sind allesamt keine internationalen. In vielen Dörfern und kleineren Städten gibt es Sportflugplätze mit Graspisten, auf denen man mit seinem Ultraleicht‐Flugzeug starten und landen kann. Anmerkung 16.6.2013: AGT ist inzwischen zum internationalen Flughafen erhoben worden.
Einem Gerücht zufolge soll es auch Militärflugplätze geben, die man als Privatmensch nutzen dürfe. Das halte ich für Quatsch mit Soße, denn die ganze paraguayische Luftwaffe besteht doch ohnehin nur aus zwei Steinschleudern auf Lafette.
Straßenbauschäden, wie sie in Asunción und Umgebung öfters auftreten. Diese Bilder entstanden in Lambaré, Cacique Lambaré; Ecke Heroes del 70, wo eine der beiden Stammstrecken der Buslinie 23 von der Hauptstraße abbiegt.
Nochmal Straßenbauschäden, diesmal in der Innenstadt Asuncións, España Ecke Tacuari. Bedauerlicherweise hat der Akkusatz meiner Kamera hier schlappgemacht. Unter sieben geknipsten Bildern dieses „Motivs“ war das noch das beste.
Bildung und Kultur
Ich habe selbst eine angeblich deutsche Schule in Paraguay besucht und weiß daher im Gegensatz zu den immer wieder auftretenden Störversuchen von Oberschlauen recht gut, wie es um die Bildung in Paraguay bestellt ist. In dieser Schule war die Unterrichtssprache für Deutsch ebendieses, für die über 10 anderen Fächer Spanisch. Es schmerzt mich, nicht viel Gutes darüber sagen zu können. Selbst für den über das gesetzlich vorgeschriebene Maß von inzwischen 9 Jahren hinaus durchgeführten Schulbesuch von 12 Klassen ist der Kenntnisstand etwa mit dem eines besseren Hilfsschülers in Deutschland zu vergleichen.
Das ist unglaublich? Selbst Leute, die jeden Tag mit einfachen Additionen zu tun haben, also z. B. Händler, brauchen einen Taschenrechner, um 3.000.000 Gs. − 1.000.000 Gs. zu berechnen. Ein Brot und 250 g Wurst zusammenzurechnen, liegt bereits jenseits dessen, wozu die Leute noch fähig sind! Auch, das Wechselgeld zu berechnen, scheitert regelmäßig. Entweder wird nur von der Kasse abgelesen oder es muß wieder ein Taschenrechner herhalten. Weder ist der überwiegende Teil der Paraguayer fähig, zu Lesen und zu Schreiben, noch halten sie es für notwendig, einen Brief aus Deutschland zu beantworten – es ist einfach nicht wichtig genug für sie. Die Alphabetisierungsquoten sind eigentlich nur beschönigende Optik, da bereits ein Mensch, der seinen Namen schreiben kann, nicht mehr dazuzählt.
Dies trifft naturgemäß nicht auf alle Paraguayer zu, aber die ländliche Bevölkerung ist damit fast komplett erschlagen und die städtische in einfachen Verhältnissen zu mindestens dreiviertel. Da wollen sie selbst grundlegende Funktionsweisen moderner Technologien verstehen? Sie wollen Mobiltelefon und Rechner bedienen, sich im Netz bewegen und Geschäfte darüber abwickeln, aber kennen den Unterschied nicht zwischen Bit und Byte, zwischen Watt und kWh, zwischen eBrief und SMS? Wer vom Ochsenkarren auf den Mercedes springt, braucht sich nicht wundern, wenn es am Nötigsten fehlt!
Ich bin nicht der erste und auch nicht der einzige Zuwanderer, der behauptet, man müsse bei der Bildung beginnen, wolle man Paraguay langfristig gesehen vorwärtsbringen. Wer den seit wenigstens 25 Jahren bestehenden Lehrplan erstellt hat, war wohl Analphabet und gehört für seine vorsätzliche systemische Rückschrittlichkeit wegen Landesverrats nach Tacumbú (oder Schlimmeres)! Die Paraguayer sind keineswegs blöd, sondern gar sehr schlau! Ob sie auch so intelligent sind, kann man kaum beurteilen, da die gebildete Oberschicht keine repräsentative Menge ausmacht. Also: Bildung in die Schulen bringen!
Leider nun ergibt sich ein weiteres Problem, wenn man sich allein an der Bildung festmacht: Ohne moralische Werte ist selbst noch so gute Bildung nur die Fahrkarte zu Erzkapitalismus, Ausbeutung und Skrupellosigkeit. Ebenso ist Gerechtigkeit ohne Milde einfach nur menschenverachtend. Moralische Werte den Schulkindern zu vermitteln, ist ein wichtiger Schritt für eine bessere Zukunft. Dies darf aber nicht von der Schule ausgehen müssen, da es nicht deren Aufgabe ist. Dies müssen die Eltern leisten.
Wohl den Kindern, die in einem intakten Elternhaus aufwachsen und das Glück haben, Liebe und Geborgenheit (dadurch Selbstsicherheit) und moralische Werte mit einem Grundstock an Bildung zu erhalten. Erst hier sollte die Schule ansetzen müssen. Die Realität sieht anders aus. Das Ergebnis sehen wir in zerrütteten, kaputten Familien, in denen jeder nur an sich denkt und ethische Werte keine Rolle mehr spielen. Ja, diese werden sogar belächelt oder als Schwäche herabgewürdigt und entsprechend ausgenutzt. So sehen wir es im ach so fortschrittlichen Europa, aber auch in allen anderen Ländern der westlichen Welt.
Aufgrund der fehlenden Bildung – sowohl schulischer wie beruflicher – fehlt Verständnis für die elementaren Dinge auch der einfacheren Berufe! Der Bauarbeiter hat niemals etwas von der Hydratation im Mörtel gehört, der Wasserleitungsverleger (hier nutze ich schon nicht mehr „Wasserinstallateur“) kennt die Bernoulli‐Gleichung nicht, der Elektriker hat noch niemals etwas vom ohmschen Widerstand gehört, dem Bäcker und Metzger sind Hygienevorschriften fremd. Der Sinn eines Getriebes ist vielen Taxifahrern schleierhaft, aber wenn er lautes Bummbumm machen und fett abkassieren kann, ist er glücklich. Dieses Geld setzt er sogleich im nächstbesten copetin (einem Tante‐Emma‐Laden mit Ausschank) in Äthanol um. Hausbesitzer lassen ihre Gebäude verrotten; viel weiter als nur, bis sie abstoßend schmuddelig aussehen. Das Schlimmste aber an all dem ist: die Leute sind mit ihrer Nichtbildung zufrieden! Sie kennen es nicht besser. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen, sondern den Oberen, die das eigene Volk dummhalten!
Immerhin ist die pragmatische und sehr gemächliche Lebensart der Paraguayer zu einem gewissen Anteil der Hitze des Landes geschuldet. Wer versucht, im Alltag seinen deutschen Ordnungssinn oder beamtische Berechenbarkeit zu leben, wird übelst enttäuscht, verlacht und macht es schon aus gesundheitlichen Gründen nicht lange. Früher oder später kommt man dann schon drauf, besser die tranquilidad (innere Ruhe, Gemütlichkeit) der Paraguayer zu leben.
Küche
Mate ist die kleingehäckselte Pflanze ilex paraguayensis, also eine Stechpalmenart, die ein bis zwei Jahre in Silos fermentiert. In Paraguay existieren viele verschiedene Handelsmarken, die unterschiedlich fein geschredderten Mate und verschiedene Geschmacksnoten haben und sich (meines Wissens nach) allesamt in der Hand von Deutschen oder Deutschstämmigen befinden. Hierzulande macht man sich gerne mit dem durstlöschenden Nationalgetränk Tereré (kalt aufgegossen), Mate (heiß aufgegossen) oder seltener cocido („Gekochter“, Auszug aus aufgebrühtem Mate) einen schönen Tag. Die Bezeichnung Matetee ist blühender Unsinn, in Teutonien aber verbreitet.
Dieses Matepulver wird im Falle von Tereré und Mate also zusammen mit einer bombilla (metallenes Saugrohr mit Teesieb am Ende) in eine Kalebasse (kürbisförmiges Gefäß) oder eine guampa (hölzerner Becher oder ein Rinderhorn, mit Blech umschlagen) zu einem Drittel bis der Hälfte an Füllhöhe gegeben, dann geschüttelt, dabei etwas von dem aufgewirbelten Staub weggeblasen und langsam mit Wasser aufgegossen. Der erste Heißaufguß wird normalerweise (ganz ungezwungen) ausgespuckt, ab dem zweiten getrunken. Der Tereré wird etwa 15–50 mal und der Mate eher 10–20 mal aufgegossen und reichen damit bis zum Mittag oder Abend. Gerne gibt man auch spezielle zerstoßene Wurzeln, eine halbe Limone oder andere „Mittelchen“ ins Wasser oder den Mate oder gießt frische Kuhmilch dazu. Anfänger sollten für Mate die ersten 1–5 Aufgüsse kalt und damit als Tereré durchführen und erst dann zum Heißaufguß übergehen. Das umgeht die gewaltige Gerbstoffkonzentration des ersten Heißaufgusses und führt so zu einer gleichmäßigeren Aromaabgabe ans Wasser.
Ich habe mich in grauer Vorzeit dazu entschlossen, selbst ein wenig zu experimentieren. Herausgekommen ist schlicht ein Pajarito mit einem Teebeutel Pfefferminztee pro Kilogramm Mate (gut durchmischen) und einem Spritzer Zitronensaft (auch Limone, Orange, Mandarine, Pampelmuse gehen) im Wasser. Nicht mehr als diese Menge nehmen! Das Eigenaroma des Mates soll ja nicht zerstört werden. Damit handelt es sich um ein wohlschmeckendes, aromatisches und gut durstlöschendes Getränk, das auch nach Wochen und Monaten des Genusses nicht langweilig wird. Wer mag, kann sich verschiedene Matesorten bevorraten.
Mate wird in Paraguay in 250 g‐, 500 g‐ und 1 kg‐Packungen mit farbigem Aufdruck gehandelt und bei einigen Marken auch in 5 kg‐Säcken (oder noch größer) aus Papier oder Kunststoff. Besonders ins Auge fallen die metallenen Dosen. Leider bestehen sie aus unverzinktem und nur lackiertem Stahlblech, sodaß sie gerade am Blechfalz der Auflagefläche schnell zu rosten beginnen. Unter dem Deckel befindet sich ein herausnehmbares Blech, an dem man sich böse schneiden kann, wenn man nicht aufpaßt. Ich empfehle daher, den Boden mit einem sauber umschlagenen Textilklebeband zu sichern und auf das herausnehmbare Blech einen Warnaufkleber zu pappen. Anfänger werden sicherlich bei den 250 g‐Packungen beginnen und etwas experimentieren wollen. Der deutsche Otto Normali wird kaum auf Packungsgrößen von mehr als 500 g zugreifen. Die Säcke sind dann eher etwas für kommerzielle Verbraucher wie den Mateanbietern im Erdgeschoß des Busterminals in Asunción (Avda. Fdo. de la Mora Ecke Argentina).
Die Kosten für Mate sind lächerlich gering, da er in ungeheuren Mengen hergestellt wird. Beispielsweise kostet ein 500 g‐Pack Mate um 5000 Gs., was etwa ein Euro ist. Selbst unter Berücksichtigung der Kaufkraft entspricht das einem Preis von nur 4,– € in Europa für ein Pfund besten Tees. Versuchen Sie einmal, in einem deutschen Supermarkt Tee zu diesem Preis zu bekommen!
Jedem Einwanderer ist dringend empfohlen, Mate wenigstens einmal zu probieren. Der Geschmack ist Gewöhnungssache und es braucht seine Zeit, seine Lieblingsmischung zu finden. Da das Kraut sehr viel Gerbsäure und Bitterstoffe enthält, kann man ihn am ehesten mit Schwarz‐ oder Grüntee in Deutschland vergleichen. Er entspannt und beruhigt den Körper, regt aber den Geist an, dämpft das Hungergefühl und wirkt zumindest im Fall des Tereré diuretisch.
Mate beeinflußt sanft das Hormonsystem speziell der Bauchspeicheldrüse und macht ihn zum bevorzugten Getränk von Diabetikern. Die Tatsache, daß es so wenig (diagnostizierte) Diabetiker in Paraguay gibt, obwohl eine extrem ungesunde Menge an Kohlehydraten verzehrt wird, scheint diese pankreasstärkende Wirkung zu stützen, obwohl sie bis heute nicht wissenschaftlich bewiesen ist.
In geselligen Zusammenkünften von Paraguayern geht die guampa reihum, wird dabei jeweils ausgetrunken und anschließend vom Gastgeber mit frischem Wasser neu aufgegossen, der sie an den Nächsten in der Reihe weitergibt. Erst, wenn jemand gracias („danke“) sagt, ist er nicht mehr durstig und scheidet aus dem Reihum aus. Viele Paraguayer haben übrigens sehr schlechte Zähne. Dies sollte aber trotzdem kein Hindernis sein, an diesem Ritual der Gesellschaftspflege teilzuhaben. Sich hier auf „Unappetitlichkeit“ herauszureden, wird durchwegs als geringschätziges Benehmen angesehen. Mimosen haben in Paraguay sowieso nichts verloren!
Ich bevorzuge z. B. die lange Form der bombilla und der hölzernen guampas, zusammen mit der Matesorte Pajarito, selección especial, was ich sogar in Deutschland konsumiere. Zu beachten ist nur, daß das Wasser sehr weich sein muß, wie es in Paraguay ohnehin immer ist. In Süddeutschland nutze man einen Ionentauscher, um das Wasser zu entkalken. Meine Arbeitskollegen aus mehreren Betrieben wissen ein Lied davon zu singen. Einer von ihnen wird mit meinem Namen angesprochen, sobald er mit der guampa gesichtet wird. (Wes, brauchst Du wieder Nachschub?)
Viel falschmachen kann man am Mate oder Tereré nun wirklich nicht – bis auf eines: In Unkenntnis der Konsequenzen bewegen Deutsche die bombilla, ziehen sie sogar aus dem Mate oder Tereré heraus, um alles im Gefäß anzuglotzen. Das ist eine Sünde! Dadurch wird die Schichtung des Mate gestört und es läßt sich kaum noch das Getränk daraus ziehen. Wenn man schon so neugierig ist, soll man diese Dinge doch vor Einfüllen des Mate betrachten. Bereits beim ersten Aufguß und danach wird die bombilla nicht mehr bewegt! Erst, wenn schon genügend Kleinstpartikel weggetrunken sind, kann man die bombilla vorsichtig und wenig bewegen, um sie z. B. wieder geradezurücken. Auf etlichen Netzpräsenzen, die sich mit dem Mate beschäftigen, sieht man genau diesen wichtigen Punkt falsch dargestellt. Gerade dadurch aber wird dem Neuling, der mit derart unkonventionellen Getränken in Berührung kommt und erstmal damit klarkommen muß, die Lust daran nachhaltig verdorben. Das muß nicht sein.
Hier die Ausstattung für unbeschwerten Mate‐ und Tereré‐Genuß, wie ich sie bevorzuge. In Paraguay werden auch ganze Sätze verkauft, die aber wohl eher den Bedürfnissen von Touristen geschuldet sind. Die guampa gibt es auch in einer niedrigeren, bauchigen Version, der Kalebasse, und dazu passend die kürzere Version der bombilla. An Matesorten gibt es noch Oro verde, La rubia, Selecta, El campesino, Kurupi uvm.. Die meisten Hersteller bieten noch aromatisierte Sorten an. Hier ist der Pajarito in der Standardversion abgebildet.
Fertig aufgebrühter Mate in sieben Jahre alter guampa mit ebenso alter bombilla. Das Material ist also recht langlebig trotz harter Beanspruchung.
Chipita – das sind kleine Chipas – sind Ringe aus Maismehl mit Schweineschmalz und Gewürzen (meist ist Kümmel enthalten).
Die meisten Deutschen wissen nicht, daß etwa die Hälfte des angeblich argentinischen Rindfleisches in Steakhäusern aus Paraguay stammt. Fleisch ist relativ teuer geworden und besonders die ärmeren Paraguayer auf dem Land müssen sich bei solchen Preisen einschränken. Gemüse und Obst machen einen großen Teil ihrer Ernährung aus. Die Maniokwurzel wird traditionell gern gegessen. Deutsche brauchen manchmal etwas, um sich an den Geschmack zu gewöhnen. Einjähriger Maniok ist meist sehr bekömmlich und leicht zuzubereiten, mehrjähriger teilweise sehr strähnig, manchmal sogar pelzig. Die Schale enthält Blausäureverbindungen in größerem Maß als die Kartoffel und muß deshalb entfernt werden. Ansonsten läßt sich der Maniok in fast genauso großer Vielfalt wie die Kartoffel zubereiten.
Alle Arten von Zitrusfrüchten wachsen in Paraguay sogar wild. Bananen (mehrere Arten), Guave, Mangos, Avocados, Pfirsiche, Ananas, Birnen, Mispeln, Maniok, Kartoffeln, Papayas, Paprika, Tomaten, Zwiebeln, einige Krautsorten, gelbe Rüben usw. wachsen ebenfalls und dienen der Selbstversorgung. Kirschen, Rosenkohl und viele Apfelsorten dagegen wachsen normalerweise nicht, da ihnen die Kälte fehlt. Aus diesem Grund gibt es keine vernünftigen Äpfel zu kaufen, wie wir sie in Europa kennen. Kirschen sind noch weniger in ordentlicher Qualität zu bekommen und werden demnach generell importiert, weswegen sie geradezu sündhaft teuer sind (Stand April 2011: 33.000 Gs./6,– €, entspricht nach Kaufkraft etwa 24,– € für ein 500 ml‐Glas).
Neuerdings hat meine Schwester auf ihrem Grundstück probiert, hitzetolerante Kirschen anzupflanzen. Nach drei Jahren gab es doch tatsächlich die ersten Früchte! Naturgemäß wächst der Baum schnell, aber die Kirschen langsam. Wer also ein Kunststoffmaterial finden sollte, das IR‐dicht ist, kann daraus ein Treibhaus für kälteliebende Pflanzen bauen und damit groß herauskommen.
Eine einzige Pampelmuse von 10 cm Durchmesser liefert ca. 300 ml Saft. Das entspricht einer Volumenausbeute von ca. 57 %! Zusammen mit einigen Orangen, einigen Blättchen Ka’á He’ê (span. Stevia, lat. stevia rebaudiana) zur Süßung und edlem Brunnenwasser zur Verdünnung ergibt das Getränk für den ganzen Tag. Fast alle Paraguayer auf dem Land und noch viele in der Stadt besitzen einen Garten, um hierüber die Grundversorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Der Gewürzgarten bietet meist (natürlich etwas besser versteckt) „jamaikanischen Ahorn“, cannabis sativa, der zum gelegentlichen Erntedankfest einlädt.
Gerne verzehrt werden in Paraguay auch empanadas, chipas und die sopa paraguaya. Empanadas sind große (ca. 10 cm lange) Maultaschen, die mit vielerlei Füllung angeboten werden. Chipas sind meist 10 cm große Ringe aus fettem Maismehl gebacken. Es gibt sie aber auch etwas kleiner, erheblich größer oder aber in Barrenform. Spezielle Sorten sind gefüllt, hier meist mit Hackfleisch. Diese sind aber leider sehr selten geworden. Empanadas und chipas werden vor allem heiß gegessen. Sopa paraguaya ist ein Maismehlauflauf mit paraguayischem Käse. Auch der Auflauf wird in verschiedenen Geschmacksrichtungen angeboten.
Mani dulce sind Blöcke aus Erdnüssen und karamelisiertem Zucker. Vor etwa zehn Jahren noch angeboten, habe ich sie nur noch im Zentrum des Mercado 4gefunden. Das überrascht, denn in Paraguay gilt der Grundsatz dulce es rico, also etwa „süß bedeutet reich“ (oder: „süß muß man sich leisten können!“). Die fehlende Bildung führt auch hier zu überaus ungesunder Ernährung, besonders bei Kindern. In diesem Alter wird oftmals schon der Grundstein für Diabetes gelegt.
Paraguayischer Käse ähnelt in Geschmack und Konsistenz mehr gerade erstarrtem Quark als einem Käse, wie wir ihn in Europa kennen. Der gereifteste Käse, der selbst in deutschen Kolonien aufzufinden ist (vom Emmentaler abgesehen), entspricht etwa einem deutschen Butterkäse. Vorsicht, Etikettenschwindel! Wo Camembert, Brie, Münster, Limburger oder Roquefort draufsteht, ist noch lange kein solcher drin – und damit meine ich keineswegs die tatsächliche Herkunft! Wer sich darauf versteht, hat hiermit eine Marktlücke in Paraguay gefunden. Ganz besonders vermisse ich den Hartkäse Gruyère.
Auch ein anderes Milchprodukt, die Butter, ist in Paraguay von minderer Qualität. Sie enthält sehr viel Wasser (weit über 20 %!), das man natürlich mitzahlt. In Europa würde jedem Bauern, der solche Butter verkauft, sofort der Betrieb zugesperrt werden! Selbst in kleinen Supermärkten gibt es längst pasteurisierte Milch im Tetrapack. Die Qualität ist gut, der Preis nicht. Es fehlt halt einfach der Umsatz. Wohlschmeckender Joghurt, meist mit Vanille‐, Erdbeer‐ oder Kokosgeschmack zubereitet und in einem simpel zugeschweißten Beutel verpackt, findet sich in immer mehr Supermärkten ein. Ein halber Liter kostete (wieder im April 2011) um 5500 Gs., also etwa 1,– €. Das ist ein Drittel oder Viertel dessen, was ein Tagelöhner auf dem Land pro Tag verdient. Nachtrag 24.6.2013: Im Supermarkt „Stock“ gibt es nun 1‐Liter‐Packungen für 6000 Gs.. Andere Supermärkte werden nachziehen.
Auch die Anzahl der Wurstsorten ist auf einen sehr angenehmen Stand gebracht worden. Gab es vor zehn Jahren unter der Bezeichnung Wurstaufschnitt kaum irgendwo mehr als eine Sorte (recht grob vermahlenes Fleisch mit riesigen Fettwürfeln darin), so kann man heute unter vielen verschiedenen Pasteten, Leberkäse, Schinken und Wurstsorten wählen. Auch wenn es sehr schleppend geht: Immerhin bewegt sich Paraguay in die richtige Richtung und modernisiert sein Warenangebot. Das muß man unterstützen!
Was vor diesen zehn Jahren noch am meisten fehlte, war eine ordentliche Brotversorgung. Das in Paraguay übliche ist reines Weißbrot, was auch nicht gerade besonders gesund ist. Grau‐ oder gar Schwarzbrot (also Vollkornbrot) suchte man hier vergeblich. In deutschen Kolonien, wo ein höherer Erwartungsdruck besteht, haben sich Bäcker angesiedelt und versorgen nun die Gegend mit z. B. Dreikornbrot, was ein einfaches Weizenmischgraubrot mit Sesam darauf ist. Semmeln gibt es inzwischen ebenfalls in vernünftiger Qualität. Beim Kuchen ist es genauso, bei Torten hatte ich keine Gelegenheit, nachzufragen. In jedem Fall sind die Preise ebenfalls deutsch. Solange es keine oder kaum Konkurrenz gibt, hat der Bäcker das Monopol – und das ist wettbewerbsschädlich.
Was in diesem heißen Land einen Menschen am meisten verschleißt, ist der Äthanolkonsum. Er hat weit schwererwiegende Auswirkungen als nur durch die unmittelbar berauschende Wirkung des Äthanols! Das beste ist es, gleich ganz darauf zu verzichten und damit Antialkoholiker zu werden. Damit entgeht man auch dem Methanol, der im nicht gerade sauber destillierten Getränk enthalten ist. Bekanntlich wird Methanol (CH3OH) mittels Alkoholdehydrogenase (ADH) zu Methanal alias Formaldehyd (CH2O) abgebaut und dann weiter zu Ameisensäure (CH2O2) metabolisiert, die schwere Nervenschäden hervorruft, besonders am Sehnerv (toxische Optikusneuropathie). Erblindung ist die Folge und, wenn der Methanolkonsum sehr ausgedehnt war, eine schwere Azidose des Körpers mit Exitus durch Atemsuppression. Also: Pfoten weg vom Schnaps!
Zukunftsmusik
Mit einer massiven Bildungsoffensive durch Lugo oder einen anderen Präsidenten könnte man Paraguays Bevölkerung innerhalb von etwa 20 Jahren ins 21. Jahrhundert katapultieren. Den Lehrplan dazu könnte jeder beliebige europäische Pädagoge aufstellen. Vor 150 Jahren hat Präsident Carlos Antonio López seinen Sohn und späteren Nachfolger Francisco Solano López nach Europa entsandt, um Technologien und Experten nach Paraguay zu bringen.
Eine der ersten Eisenbahnen Südamerikas z. B. fuhr in Paraguay ab 1861 von San Franziskus in den VSA bis Trinidad in Paraguay und ab dem 1.10.1863 wurde die Stammstrecke Asunción – Areguá eingeweiht (und ist leider nur noch ein besseres Museumsstück). Das Land blühte auf, bis etwa ein Jahr später der Tripel‐Allianz‐Krieg begann (1865–1870) und Paraguay zugrunderichtete. Mißwirtschaft und Kriegsstimmung aber kann man vermeiden. Wann entschließt sich die heutige Regierung dazu, erneut Fachwissen und Entwicklungshilfe ins Land zu holen?
Ein naheliegender Schritt ist hier, die weitverbreitete Korruption abzuschaffen. Eine Regierung, die wirklich willens ist, wird dies durchziehen. Man könnte ja mit einem Bürgeramt oder einer Beschwerdestelle beginnen, bei der sich jeder Bürger des Landes über irreguläre Machenschaften von Beamten und staatlichen Organisationen kostenlos beschweren kann. Wichtig dabei ist, daß diese Beschwerden bis zum Abschluß der Ermittlungen durchgezogen werden und für die schwarzen Schafe empfindliche Strafen folgen. Ebenso ist wichtig, diese Stelle nicht mit vielleicht nur zwei Leutchen zu bemannen, die hoffnungslos überlastet wären (und damit nur als Alibi dienten), sondern eine schlagkräftige Truppe von (je nach Effizienz) 50–150 gut ausgebildeten und miteinander vernetzten Leuten.
Paraguay braucht keine Kaputtschlosser, sondern gute Automechaniker. Professionelle Ausbilder für verschiedene Handwerksberufe wie Elektriker, Wasserinstallateur, Metzger, Schreiner, Bäcker, Konditor, sogar Friseur usw. braucht das Land ebenso wie die Fachleute selbst. Der Dienstleistungssektor mit niedrigqualifizierten Leuten ist gut genug abgedeckt, da die Paraguayer ihn selber besetzt halten. Höherqualifizierte Fachleute (z. B. aus der Medizin) dagegen sind unter Zuwanderern sehr gern gesehen. Wo bleiben die Berufsschulen? Erst, wenn ein gewisser Erwartungsdruck besteht, machen sich die Schüler ans Lernen. Das ist ein allmählicher Vorgang, denn mit dem Niveau der bestehenden allgemeinbildenden Schulen kommt man wohl kaum auf einen grünen Zweig. Es braucht seine Zeit, bis auch diese ihr Niveau angehoben haben. Das wird noch langsam genug gehen, da braucht es nicht noch mehr Bremser!
Die ökonomischen Grundlagen für die Gesundung des Landes müssen ebenfalls angepackt werden! Was ist mit der andernorts bereits erwähnten Aufforstung, die massiv gesteigert werden könnte und mit dem Anbau von Nutzhanf? Die hierfür eventuell vorgebrachte Sorge, die Bevölkerung könnte durch vereinfachte Zugänglichkeit zu THC‐reichen Hanfsorten verrohen und damit die Anstrengungen des Staates zunichtemachen, zieht einfach nicht! Leichte Erhältlichkeit zu großen Mengen von Hanffaser jedoch leisten Paraguays wirtschaftlicher Unabhängigkeit durch eigene Textilproduktion und folgendem Export deutlichen Vorschub!
Im Zuge dieses Technologieimports könnte man endlich großflächig Glasfaserkabel statt des üblichen Kupfers verlegen. Bei den großen Entfernungen in diesem Land würde sich dies sogar rentieren – allein schon des immer weiter steigenden horrenden Kupferpreises wegen! Als „Nebeneffekt“ fiele die um Dimensionen stabilere und schnellere Anbindung ans Datennetz ab. Telefon könnte per landesweitem VoIP laufen. Ich weiß von keinem Land, in dem bereits vorausschauend Leerrohre für z. B. die künftigen Telekommunikationsleitungen in den Straßen verbaut würden. Überall wird stattdessen wegen jeder einzelnen Glasfaser die komplette Straße aufgerissen.
Paraguay könnte somit mit intelligenter Stadtplanung beginnen. Dabei sind dann in einem Aufwasch auch gleich überdimensionierte Wasser‐ und Abwasserrohre und die komplette Gas‐ und Stromversorgung zu verbuddeln. Auch könnte man die Straßen etwas breiter machen und für Neubaugebiete entsprechende sinnvolle Vorschriften erlassen. Wird dann die Straßendecke geschlossen, so sorgt man für eine extrem widerstandsfähige hellgestrichene Asphaltschicht mit Drainage nach europäischem Standard und stabile Bürgersteige. Fahrzeuge ohne funktionierende Stoßdämpfer müßte man logischerweise stillegen. Abgasnormen (vielleicht etwas weniger streng als in Europa) und Lärmschutz wären einzuführen.
Was spricht – vom finanziellen Aufwand abgesehen – gegen unterirdische Parkhäuser entlang der großen Straßen Asuncións? Hier denke ich an die Eusebio Ayala (z. B. für den Mercado 4), die Fernando de la Mora und die España oder die Mcal. López. Der Innenstadtbereich Herrera bis Bogado und Montevideo bis EE. UU. könnte zu einer Fußgängerzone werden, was endlich etwas Ruhe ins Zentrum brächte. Weitere unterirdische Parkhäuser kämen dann an dessen Rand, damit man zumindest bis dorthin mit dem Wagen fahren kann.
Es geht mir übrigens keineswegs darum, dem eher deutschen Reglementierungswahn nachzueifern, sondern nur, Wildwuchs zu vermeiden, sodaß kontraproduktiver Aktionismus in zweckdienliche Infrastrukturentwicklung umgeleitet wird.
Sicherlich ist das ein Mammutprojekt, aber mit ganz erheblicher Attraktivitätssteigerung Paraguays als Industriestandort. Da amortisierten sich die Ausgaben schnell, da das Land eine ernstzunehmende Alternative für Buenos Aires oder São Paulo würde! Auch die Gewerbesteuern (oder etwas äquivalentes für Paraguay) könnten gesenkt werden und damit zusätzlichen Anreiz für den Zuzug neuer Betriebe bieten. Hierzu gibt es bereits etliche Beispiele aus jüngster Zeit, in Bayern z. B. Holzkirchen im Landkreis Miesbach, das mit dieser Strategie zur ersten Wahl für neue Konzernstandorte wurde. Die größten nun ansässigen Firmen sind Sandoz/Hexal, Transtechnik, Panasonic, Work und Avery.
Was fehlt, ist bislang der politische Wille. Leider versprechen Politiker immer nur, was sie nicht halten können oder wollen. Ich bin der Auffassung, man ist durchaus in der Lage, alle Widrigkeiten aus dem Weg zu räumen, um einen politisch gewollten Wandel des Landes durchzusetzen. Der größte Bremsschuh scheint mir die weitverbreitete Korruption zu sein, wie ich sie bereit erwähnte. Vielleicht ja würde die gnadenlose und sehr empfindliche Abstrafung korrupter Bediensteter helfen? Innerhalb kürzester Zeit würde allein dadurch schon eine Verbesserung des weltweiten Ansehens stattfinden, da man nicht mehr so sehr der Willkür der Bediensteten ausgesetzt wäre. Auch ginge damit die immer wieder grassierende Schutzgelderpressung durch Beamte auf das gesunde Nullmaß zurück. Selbstverständlich muß man seine Beamten gerade so gut bezahlen, daß sie nicht mehr auf solche unfeinen Methoden angewiesen sind, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Ich kann nicht viel mehr unternehmen, als Vorschläge zu unterbreiten. Diese sind zwar durchdacht, aber scheitern immerzu an der hiesigen Mentalität. Deshalb bleibt mir nur, die Verbesserungen auf mein Einflußgebiet zu beschränken. Vor 50 Jahren war Paraguay noch ein reiner Agrarstaat, heute darf man vielleicht schon sagen, es befinde sich auf dem Weg zum Schwellenland. Wenn es aber in 50 Jahren nicht unter „ferner liefen“ erscheinen soll, muß es langsam aus seiner verträumten Pragmatik erwachen. Dazu gehört ein Paradigmenwechsel. Wann wird dieser kommen? Ich meine, innerhalb von etwa 30 Jahren kann man das Land zum Industriestaat nach heutigen Maßstäben machen. Das funktioniert aber nicht mit Halbherzigkeiten.
Fortsetzung folgt